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Die Vernunft
Die Vernunft
Wir wollen jetzt die Gabe des Intellekts, der Vernunft untersuchen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Vernunft etwas sehr Wertvolles ist, sie hat ausgezeichnete Anlagen. In den menschlichen Angelegenheiten spielt sie eine sehr wichtige Rolle. Sie ist zweifellos eine große leitende Kraft in unserem Leben, hilft und kontrolliert und unterstützt uns in vielfältigerWeise.
Doch wenn es um das Problem von ad-Din geht, führt die Vernunft uns nicht weit. Zunächst stellt sich die Frage: Auf wessen Verstand soll man sich in dieser Hinsicht verlassen? Auf meinen oder Heinzens oder Kunzens oder auf den einer bestimmten Gruppe von Menschen oder aller Menschen oder der Menschen der heutigen Generation oder einer vergangenen oder zukünftigen – wer ist in der Lage, ad-Din oder den rechten Lebensweg zu bestimmen?
Eine noch schwierigere Frage ist die, ob der menschliche Verstand fähig ist, diese Aufgabe zu bewältigen. Berücksichtigt man die dem menschlichen Verstand innewohnenden Grenzen – ist es dann angebracht, sich auf ihn zu verlassen, um ad-Din festzulegen?
Das Urteilsvermögen und die Vernunft beruhen auf dem, was die Sinnesorgane wahrnehmen. Wenn die
Informationen, die sie übermitteln, fehlerhaft, unvollständig, verzerrt oder beschönigt sind, wäre ihr Urteil trügerisch. Wenn die Sinne mangelhaftes Material liefern, führt das zu fehlerhaften Schlüssen. Auf den Gebieten, über die die Sinnesorgane nicht in der Lage sind, Informationen zu erbringen, bleibt der Verstand im Dunkeln, und Äußerungen darüber wären reine Mutmaßungen. Je aufgeklärter der Verstand ist, desto weniger wird er so einen Sprung ins Finstere riskieren.
Des weiteren stellt sich das Problem des Vorurteils, das den Intellekt umwölbt und die Vernunft auf Abwege führt. Der Einfluß von Gefühlen, vorgefaßten Meinungen und Milieufaktoren ist kaum zu verringern. In all diesen und vielen anderen Situationen neigt der Verstand zu Rationalisierungen und intellektueller Unsicherheit, absichtlich oder nicht.
Angesichts dieser Grenzen, die vom Verstand nicht zu trennen sind, wäre es kaum der Mühe wert, ihn mit der Aufgabe zu belasten, die richtige Lebensweise für die Menschheit zu entwickeln. Und was die grundsätzlichen Probleme angeht, von deren Lösung die Ausarbeitung der rechten Lebensweise abhängt, haben wir von den Sinnen und Wahrnehmungen überhaupt keine Hilfe zu erwarten.
Sollen diese Probleme also durch reine Phantasie gelöst werden, oberflächliche Vermutungen oder falschen Aberglauben?
Eine gewisse Anzahl absoluter moralischer Werte ist unerläßlich für die Formulierung der richtigen Lebensweise. Aber in dieser Hinsicht bieten die Sinne und Wahrnehmungen nur oberflächliches Material. Wie kann man erwarten, daß der Verstand aufgrund dieses mangelhaften Materials umfassende und absolute Werte aufstellt?
Ebensowenig bieten die Sinne exaktes und vollständiges Material für die oben genannten wesentlichen Elemente des Lebenssystems; Material, auf dessen Grundlage so ein allumfassendes und vollkommenes System konstruiert werden könnte.
Dazu kommt noch die Tatsache, daß das Element des Wünschens und Begehrens mit dem Verstand unauflöslich verbunden ist. Das hindert ihn daran, rein rational zu urteilen und verleitet ihn dazu, mehr oder weniger vom rechen Pfad abzuweichen. Selbst wenn wir einräumen, daß sich der menschliche Intellekt nicht irrt, wenn es darum geht, das von den Sinnen vermittelte Material zu ordnen und zu klassifizieren, um daraus Schlüsse abzuleiten, kommen andere Arten von Schwächen und Grenzen auf uns zu. Infolge der schwachen Seiten des Intellekts wäre es nutzlos, ihn mit einer Aufgabe von solchem Ausmaß zu belasten. Das wäre ihm wie uns gegenüber unredlich.
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Wünsche und Neigungen
Wünsche und Neigungen
Zuerst wollen wir unsere Wünsche und Neigungen betrachten. Können sie wirklich eine gute Leitung für die Menschheit sein?
Obwohl sie die Hauptquelle menschlicher Handlungen und Motivationen sind, kann das Verlangen wegen der allen Menschen gemeinsamen Schwächen niemals als sicherer und verläßlicher Wegweiser in Betracht kommen. Im Gegenteil diente es oft dazu, den Verstand irrezuführen und jede rationale Annäherung zu verschleiern. Auch wenn es noch so sehr unter Kontrolle und Zucht gehalten werden muß, führt es fast immer auf dieselbe Weise in die Irre. Denn es ist sein natürlicher Drang, nicht gerecht zu entscheiden, sondern so, daß das Ziel möglichst schnell und leicht erreicht wird. Das ist eine angeborene Schwäche des menschlichen „Verlangens“. Ob es daher die Wünsche eines Individuums sind, die einer Gruppe oder der „Gemeinwille“, wie Rousseau ihn verstand – auf jeden Fall ist kein menschliches Wünschen, welcher Art auch immer, in der Lage, ad-Din, die richtige Lebensweise, aufzustellen. Und was die Letzten Fragen im Leben angeht, wie das Wesen des Lebens, sein Ziel und Zweck usw. können unsere Wünsche kaum hilfreich sein.
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Wo versagt der Mensch?
Wo versagt der Mensch?
Die Wege und Mittel, Fähigkeiten und Quellen, die dem Menschen zur Verfügung stehen und mit deren Hilfe er versuchen kann, seinen Din oder Lebensweg zu finden, sind folgende:
a. seine Neigungen oder Wünsche
b. sein Verstand, seine intellektuelle Leistungsfähigkeit
c. sein Experimentier- und Beobachtungsvermögen
d. die ihm vorliegenden Dokumente vergangener, historischer Experimente
Aller Wahrscheinlichkeit nach existiert keine weitere Quelle, die hier Hilfe bieten kann. Wir können diese vier Quellen so gründlich wie möglich untersuchen, doch sind wir zu der Schlußfolgerung gezwungen, daß keine davon wirklich von Nutzen ist, um ad-Din für die Menschheit zu finden. Ich habe einen großen Teil meines Lebens dieser Untersuchung gewidmet und kam zu dem Ergebnis, daß diese Wissensquellen dem Menschen nicht allzu viel helfen können, das Lebenssystem, das er braucht, zu erarbeiten. Sollte uns jedoch durch eine göttliche Quelle so ein System zugänglich gemacht werden, könnten diese menschlichen Quellen sicher sehr hilfreich dazu beitragen, es zu verstehen, auszuwerten und anzuerkennen, die Details zu formulieren und die Prinzipien auf neue Probleme im Leben anzuwenden.
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Der Mensch und seine Suche nach dem rechten Weg
So sieht die Lebensweise aus, die der Mensch benötigt. Die entscheidene Frage jedoch lautet: Können die Menschen so einen Weg, so ein System, selbstständig ausarbeiten und entwickeln? Diesen Punkt werden wir gleich näher erörtern.
Es ist sinnlos, zu fragen, ob der Mensch bereits so eine Aufgabe ohne Hilfe übermenschlicher Führung bewältigt hat. Die Antwort ist eindeutig negativ. Sogar diejenigen, die heutzutage ihre Vorschläge mit kriegerischer Anmaßung anpreisen und nicht einmal vor Waffengewalt zurückschrecken, um die Überlegenheit ihrer Ideologien zu beweisen, können nicht behaupten, ihre Systeme erfüllten sämtliche Bedürfnisse des Menschen, die einen alles umfassenden Plan erfordern – ad-Din.
Die Legionen der „Ismen“, die heute in Streit liegen, sind teilweise rassisch bedingt und befassen sich mit den einzelnen Klassen, die sie im Überfluß preisen. Andere sehen nicht über geographische und nationale Grenzen hinaus. Wieder andere sind erst aufgrund der Erfordernisse des Geschichtsabschnitts entstanden, der ihnen vorausging. Über die Anwendbarkeit ihrer Theorien auf Bedingungen und Probleme der Zukunft kann nichts im voraus ausgesagt werden, weil die historischen Bedürfnisse
der Gegenwart selbst erst noch vollends abgeschätzt werden müssen. Deshalb wollen wir nicht untersuchen, ob der Mensch so einen Din bereits mit Erfolg erdacht hat oder nicht. Was wir untersuchen wollen, ist, ob der Mensch so ein System überhaupt entwickeln kann. Ist er wirklich in der Lage, ad-Din für die gesamte Menschheit auszuarbeiten?
Ich möchte betonen, daß das ein sehr ernstes und konkretes Problem ist, das ernsthaftes Nachdenken und Überlegen erfordert. Es ist eine der entscheidenden Fragen des menschlichen Lebens und kann nicht leicht abgetan werden. Daher sollten wir zunächst versuchen, zu verstehen, was das überhaupt ist, was wir ausarbeiten wollen; zugleich müssen wir auch über die Qualifikation dessen nachdenken, der das unserer Ansicht nach tun soll.
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Welche Lebensweise braucht der Mensch?
Es ist nicht zu leugnen, daß der Mensch in verschiedenen Geschichtsperioden strauchelte und nicht fähig war, das wahre Wesen menschlicher Existenz und bestimmter damit zusammenhängender fundamentaler Fragen zu erfassen – er übertrieb gewisse Wahrheiten über ihre Bedeutung hinaus, während er gleichzeitig bestimmte grundlegende Bestandteile seiner Existenz gänzlich vernachlässigte. Und so entstanden in verschiedenen geschichtlichen Phasen verschiedene Lebenskonzepte, die in vieler Hinsicht mangelhaft und unvollständig waren und welche die Menschen schließlich verwarfen, als sie, durch Erfahrung belehrt, deren Nichtigkeit erkannten, um sich neuen Möglichkeiten zuzuwenden.
Eine flüchtige Betrachtung der Situation führte zu der Vermutung, daß die Menschheit unbedingt zu jeder Zeit besondere Lebensweisen braucht, die aus den Bedingungen und Problemen der jeweiligen Epoche hervorgehen und sich allein mit der Lösung der Streitfragen und Problemen dieser Ära befassen sollen. Betrachten wir die Geschichte unter diesem Aspekt, können wir mit Fug und Recht
konstatieren, daß die Versuche und Experimente mit diesen Lebenssystemen, die zu gewissen Zeiten und Phasen der Geschichte existierten sowie die ständige Wiederholung ähnlicher Versuche und Fehler nur eine Verschwendung menschlicher Zeit und Energie waren. Das führte zu nichts weiter als Frustrationen. Es behinderte die vollständigere Verwirklichung menschlicher Möglichkeiten und verhinderte, daß diese aufrechte Art ihrem Ziel und ihrer Bestimmung zugeführt werden konnten.
Was die Menschheit braucht, und zwar dringend, ist eine Lebensweise, die auf einer wahren Einsicht in den Menschen und all die Wirklichkeiten, die zu ihm gehören, beruht, und welche auf Prinzipien basiert, die universal, beständig und ewig sind – eine Lebensweise, die ihn sicher durch alle Wechselfälle der Gegenwart und der Zukunft leiten kann, die daraus resultierenden Probleme löst und ohne viel Lärm furchtlos ihrem Ziel zustrebt.
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Warum eine geographische Einteilung sinnlos ist
So wie es absurd ist, das Leben in getrennte Gebiete einteilen zu wollen, ist es mindestens genauso sinnlos, eine Trennung in geographische Bruchstücke oder rassische Kategorien vorzunehmen. Menschen gibt es überall auf der Erdoberfläche, und sie werden getrennt von Flüssen, Bergen,
Wäldern, Meeren und politischen Grenzen. Es existieren verschiedene ethnische Gruppen und Nationen, die wegen historischer, psychologischer und anderer Gründe einige, charakteristische Züge entwickelten. Wenn nun jemand aufgrund dieser Unterschiede die Behauptung verficht, daß jede ethnische Gruppe, jede Sippe, jede geographische Region eine eigene Lebensweise benötigt, dann ist das ausgesprochen lächerlich. Wer so etwas vorbringt, hat sich von den offensichtlichen Unterschieden in Gestalt und Aussehen täuschen lassen und die wesentliche Einheit aller Menschen nicht erkannt, die den augenscheinlichen Unterschieden zugrunde liegt. Wenn man die Unterschiede für so wichtig hält, daß sie verschiedene Lebensweisen notwendig machen, dann versichere ich Ihnen, daß das so unendlich weitergehen wird. Die Unterschiede, die heute zwischen verschiedenen Ländern und Völkern bestehen, können, auch wenn wir sie noch so übertreiben, nicht so deutlich und fest umrissen sein wie die, welche die Wissenschaft zwischen einem Mann und einer Frau oder zwischen verschiedenen Personen, sogar zwischen Kindern derselben Eltern festgestellt hat. Es dürfte nicht übertrieben sein, festzustellen, daß gemäß wissenschaftlicher Analyse und Klassifizierung diese letzteren Unterschiede weit tiefergehend sind als die zuvor erwähnten. Warum also nicht darauf bestehen, daß es für jedes Individuum gesonderte Verhaltensnormen und Lebensplanungen geben sollte?
Es ist doch schlicht und einfach so: Wenn wir in der Lage sind, trotz aller Unterschiede zwischen Individuen, Geschlechtern, Familien, Sippen usw. einheitliche Elemente zu entdecken, auf deren Grundlage wir verschiedene Nationalitäten, ethnische Gruppen und geographische Einheiten vorfinden und merken, daß für diese Gruppen jeweils ein bestimmter Lebensweg oder Lebensplan brauchbar und angemessen ist – warum können wir dann nicht einheitliche Elemente aller dieser ethnischer Gruppen und Nationalitäten entdecken, um so eine noch größere Einheit zu erhalten – die gemeinsame Grundlage von Einigkeit und Zusammengehörigkeit, die die gesamte Menschheit umfassen und es ihr so ermöglichen würde, sich ein System, einen Lebensweg, einen Din für alle Menschen anzueignen?
Stimmt es denn nicht, daß trotz aller geographischen, ethnischen Unterschiede die Naturgesetze, die das Leben bestimmen, für alle Menschen dieselben sind? Sind nicht ein und dieselben biologischen Prinzipien in den Organismen verschiedener Menschen am Werk? Dasselbe gilt für die Besonderheiten, die den Menschen als eine bestimmte Spezies gegenüber dem Rest der Schöpfung auszeichnen.
Und wie steht es mit den natürlichen Bedürfnissen und Trieben des Menschen, den Kräften und Fähigkeiten, deren Gesamtheit wir das menschliche „Ich“
nennen? Und was ist mit all jenen physischen, psychologischen, historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren, die das menschliche Leben mitbestimmen? Sind diese Faktoren und Charakterzüge nicht grundsätzlich gleich für alle Menschen?
Wenn es wahr ist, daß in all diesen Dingen Gemeinsamkeiten für alle Menschen liegen, muß es folglich möglich sein, die Gesetze und Prinzipien, die das menschliche Wohlergehen gewährleisten, allgemein anzuwenden. Weshalb soll denn ihre Wirksamkeit auf bestimmte Nationalitäten oder ethnische Gruppen oder Länder beschränkt sein, anstatt auch für den Rest der Menschheit zu gelten? Selbstverständlich wäre es nur natürlich, daß die verschiedenen Nationen und Völker ihr Leben in vieler Hinsicht nach ihren jeweils eigenen Gewohnheiten und Erfordernissen gestalten, doch nur innerhalb der Grenzen, die der breite Rahmen dieser Prinzipien vorgibt. Der wahre Din aber oder der Weg und die Lebensweise, für die der Mensch in seiner Eigenschaft als Mensch eintreten sollte und die seine Bedürfnisse befriedigen, sollten in allen Fällen universelle Gültigkeit haben.
Es ist nicht einzusehen, daß das, was für eine Nation gut und richtig ist, für eine andere schlecht und falsch sein sollte, und umgekehrt. Jeder sollte gleich behandelt werden.
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Warum wir eine feste Lebensweise brauchen
Es ist offensichtlich, daß der Mensch irgendein System oder eine bestimmte Art und Weise braucht, ein sinnvolles Leben zu führen. Da er ein Mensch ist, stellt das für ihn ein unumgängliches Bedürfnis dar. Sein Weg im Leben kann nicht, wie der eines Flusses, durch die Topographie eines Landes bestimmt werden. Auch ist er kein Baum, dessen Wachstum die Naturgesetze regeln. Ebenso wenig ist er nur ein Tier, das allein durch seine Instinkte und Gewohnheiten geleitet wird. Es liegt auf der Hand, daß er zu einem großen Teil seines Lebens den Naturgesetzen unterworfen ist. Dennoch gibt es viele Aspekte im Leben, für die er mit Hilfe seines Verstandes einen eigenen Platz abstecken muß. Dafür hat er keinen festen Kurs, dem er folgen könnte wie die Tiere ihren Instinkt. Er ist mit eigenem Willen und Entscheidungsfreiheit begabt. Er muß Prioritäten setzen. Er muß seinen Weg aus einer Reihe von Alternativen heraussuchen. Und genau das unterscheidet ihn vom Rest der Schöpfung.
Da das nun einmal so ist, muß der Mensch vielfältige Probleme lösen, seine eigenen und die des Universums, die die Natur seinem grübelnden Verstand aufgibt, ohne ihm jedoch unmißverständliche
Lösungen an die Hand zu geben. Er braucht irgendein Gedankengebäude, um zu einem Entschluß zu kommen. Er baucht ein Schema und einen Wissensrahmen, innerhalb dessen er die Informationen, die die Natur seinem Verstand über die Sinneseindrücke zuführt – eine Masse von Informationen ohne natürlich geordnete Form – organisieren und koordinieren kann. Er braucht ein Lebensmodell, das ihm als Individuum angemessen ist, so daß er auf die der Natur innewohnenden Impulse reagieren kann, die, obgleich vollkommen schlüssig, noch gründlich organisiert und definiert werden müssen. Für sein häusliches Leben, seine familiären Beziehungen, seine gesellschaftlichen Angelegenheiten, für Staatsführung und Verwaltung, internationale Beziehungen und zahlreiche andere Aspekte seines Lebens braucht er eine Richtung, die er nicht nur als Individuum, sondern auch als Gruppe, als Nation und als Spezies einschlagen kann. So kann er die Ziele erreichen, die die Natur ihm als Richtlinie und Endzweck zu erkennen gibt, die er aber nicht instinktiv erfühlen kann, so wenig wie die Kräfte der Natur selbst die Mittel offen gelegt haben, mit denen er diese Ziele erlangen mag. Der Ruf ist da, der Eifer ist da, doch wenn der Mensch auf sich allein gestellt ist, bleiben Weg und Richtung in Geheimnisse gehüllt.
Diese verschiedenen Aspekte des Lebens, die es dem Menschen unumgänglich machen, irgendeiner
Art Ideal oder System zu folgen, sind keine getrennten, unabhängigen Einheiten des Seins. Daher ist es dem Menschen nicht möglich, verschiedene, miteinander unvereinbare Verhaltensweisen für verschiedene Bereiche seines Lebens zu wählen. Er kann es sich einfach nicht leisten, in den verschiedenen Aktivitäten seines Lebens verschiedene Wege zu beschreiten und Ziele zu verfolgen, die einander widersprechen – und das auch noch mit Hilfe von Mitteln und Methoden, die in entgegengesetzte Richtungen führen. Versuchen wir mit Hilfe unserer Intelligenz, den Menschen und die Probleme in seinem Leben zu verstehen, können wir uns leicht davon überzeugen, daß das menschliche Leben ein unteilbares Ganzes ist, und daß jeder seiner Aspekte mit allen anderen in sehr enger Beziehung steht und untrennbar mit ihnen verbunden ist. Jedes Teil seines Lebens beeinflußt die anderen und wird umgekehrt von ihnen beeinflußt.
Ein und dieselbe Lebenskraft bewegt alle Teile und durchdringt sie. Alle Teile und Aspekte konstituieren zusammen das, was wir als das menschliche Leben kennen.
Was der Mensch also tatsächlich braucht, ist nicht eine Vielzahl von Zielen und Zwecke, sondern ein einziges Ziel, der die verschiedenen Zwecke und die möglichen Sinngebungen des Lebens umfaßt und sie zu einem harmonischen Ganzen zusammen-
schweißt. Das ist unbedingt notwendig, wenn das menschliche Bestreben, das höchste Ideal zu verwirklichen, erfolgreich sein soll. Was er braucht, sind nicht viele verschiedene Wege und Straßen, sondern der eine Weg, der ihn mit all den vielfältigen Seiten seines Lebens zu dessen Ziel und Ideal führen kann. Er benötigt keine getrennten Systeme des Denkens und Lernens, der Kunst und Literatur, der Erziehung und Gesetzgebung, der Religion und Moral, des sozialen Lebens, der Wirtschaft und Politik usw., sondern ein vollständiges System, in dem all diese Aspekte menschlichen Lebens einen harmonischen Platz finden und von einheitlichen Prinzipien zum Ausdruck gebracht werden. So können sie den Menschen, ja die ganze Menschheit zu den höchsten Gipfeln der Güte, Tugend und Größe führen.
Es gab Zeiten, als man aufgrund von Unkenntnis eine mehr oder weniger ständige Einteilung des menschlichen Lebens in verschiedene Abteilungen der Betrachtungsweisen für nützlich hielt. Wenn es heute noch Leute gibt, die ernsthaft an die absurde Idee glauben, man könne das menschliche Leben in wasserdichte Teile trennen, verdienen sie nur unser Mitleid. Andererseits gibt es welche, die es bewußt darauf anlegen, andere zu betrügen, indem sie versuchen, ihnen ihr eigenes System aufzuzwingen mit der Versicherung, das, was jenen am Herzen
liegt – ihre Religion, – werde vollauf beschützt.
Genau das behaupten die Säkularisten und Nationalisten. Sie treiben einen Keil zwischen das private und das soziale, gemeinschaftliche Leben. Ihrer Meinung nach kann die Religion zwar das persönliche Leben des Menschen beeinflussen, sollte aber im gesellschaftlichen, besonders im politischen Leben nichts zu sagen haben. Diese Einteilerei ist eine Unmöglichkeit; sie ist rational nicht nachzuvollziehen und praktisch nicht zu verwirklichen, und selbst der, der so einen Ton anschlägt, erkennt das im innersten Herzen. Allerdings liegt es nicht in seinem Interesse, dies einzugestehen.
Jeder weiß, daß jedes herrschende System notwendig alle Aspekte des Lebens unter seinen Einfluß bringen und gemäß seinen eigenen Prinzipien und seinem Geist umformen muß; so wie jede Salzmine unweigerlich alles, was in sie eindringt, in Salz verwandelt.
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Die Bedeutung von Din und Islam
Die Bedeutung von Din und Islam
Beginnen wir unsere Untersuchung, indem wir zunächst versuchen, die Bedeutung der Begriffe „ad-Din“ und „al-Islam“ zu verstehen.
Das Wort „Din“ kann im Arabischen verschiedene Bedeutungen haben. Es bedeutet
1. Macht, Oberherrschaft, Kontrolle
2. Gehorsam, Hingabe
3. Entschädigung, Sühne
4. Lebensführung, Handlungsweise, Weltanschauung
Und der Koranvers, der uns interessiert, gebraucht das Wort in der vierten Bedeutung. Das heißt, „Din“ beinhaltet die Lebensweise, die geistige und intellektuelle Haltung, das Verhalten und handeln, welcher ein Individuum oder eine Gesellschaft folgen oder nachgehen. Aber wir müssen beachten, daß der Koran „ad-Din“ sagt und nicht einfach „Din“. Daraus ergibt sich ein großer Unterschied in der Bedeutung, ganz ähnlich dem zwischen Sätzen wie „Das ist der Weg“ und „Das ist ein Weg“.
Der Koran sagt nicht einfach, daß der Islam in Gottes Augen eine mögliche Lebensweise sei, sondern, daß der Islam die einzig wahre Lebensweise ist, die richtige Einstellung im Denken und Benehmen, die richtige Weltanschauung im Leben.
Außerdem sollte man sich vor Augen halten, daß das Wort ad-Din im Sinne des Koran in keiner eingeschränkten Bedeutung gebraucht wird. Es ist nicht auf einen bestimmten Aspekt oder eine besondere Phase im Leben beschränkt, sondern umfaßt das ganze menschliche Leben in all seiner Fülle.
Es bezieht sich nicht nur auf das persönliche Leben eines Individuums; vielmehr erstreckt es sich auch auf dessen Existenz als Teil einer Gemeinschaft, auf die gesamte Skala der Gesellschaft als Ganzes. Dementsprechend ist diese Bezeichnung nicht auf die Lebensart einer bestimmten Nation oder eines Landes beschränkt, ebenso wenig auf eine in einer bestimmten geschichtlichen Epoche vorherrschende Nation, sondern sie enthält die Lebensweise für die gesamte Menschheit, sowohl im individuellen als auch im kollektiven Bereich, zu allen Zeiten.
Der Koran erhebt nicht den Anspruch, daß der Islam das einzig wahre Kompendium aller Riten und Rituale sowie metaphysischer Lehren und Konzepte sei, oder daß er für den Einzelnen die korrekte Form religiöser Geisteshaltung und Tätigkeit darstelle (in dem Sinn, wie das Wort „Religion“ heutzutage in der westlichen Terminologie verstanden wird). Auch sagt er nicht, der Islam sei der richtige Leitfaden für das Leben der Völker Arabiens, oder für das Volk irgendeines bestimmten Landes, oder für ein Volk, das für ein bestimmtes
Zeitalter (etwa der industriellen Revolution) von Bedeutung ist. Nein! Um es ganz deutlich zu sagen:
Für die gesamte Menschheit gibt es nur eine Lebensweise, die vor Gott richtig ist, und das ist al-Islam2
Betrachten wir jetzt das Wort „Islam“.
Im Arabischen bedeutet „Islam“ „sich hingeben“, „sich ergeben“, „Gebundenheit akzeptieren“, „sich jemandem anbefehlen“. Jedoch sagt der Koran in dem angeführten Vers nicht nur „Islam“, sondern „al-Islam“. Auch das ist ein Spezialausdruck des Koran. Er besagt: sich vor Gott beugen, sich Ihm hingeben und Ihm gehorchen, auf seine eigene Unabhängigkeit verzichten und sich vollständig Ihm ergeben.
Diese Einwilligung, dieser Gehorsam, diese Hingabe, dieser Verzicht schließen keine Ergebenheit in das Naturgesetz mit ein, wie manche Leute fälschlich verstanden haben. Ebensowenig verlangen sie,
2 Der Autor hat zu seiner Überraschung erfahren, daß dieser koranische Begriff in der heutigen Türkei von einem neuzeitlichen Kommentator auf neue und ungewöhnliche Weise interpretiert wurde. Nach dieser Ansicht soll „Din“ Kultur, Staatsführung usw. ausschließen, da sein Inhalt auf den Bereich der persönlichen Beziehung des Individuums zu Gott begrenzt sei. Es ist in der Tat sehr überraschend, daß jemand so eine Bedeutung aus dem Koran herauslesen konnte. Zumindest bietet mir mein achtzehnjähriges Studium des Koran keinerlei Grundlage für eine so abwegige Interpretation. Dieser Versuch der Modernisten, den Koran gemäß ihrem Wunschdenken zu deuten, ist in keiner Weise haltbar. Das koranische Konzept von ad-Din ist zu klar, um irgendeine Fehlinterpretation zuzulassen. Der Koran gebraucht das Wort in keinem eingeschränkten Sinn, sondern kennzeichnet damit die Denk- und Lebensweise aller Menschen zu allen Zeiten.
daß der Mensch einem Prinzip gehorchen solle, das die Menschen aufgrund ihrer Phantasie oder Beobachtung als Wille und Gefallen Gottes deklariert haben, wie einige andere irrtümlich behaupten. Sie bedeuten vielmehr, daß der Mensch an den Lehren und an der Leitung festhalten soll, zu denen Gott ihn durch seine Gesandten geführt hat, anstatt sich durch seine eigenen Launen und Wünsche davon abhalten zu lassen. Mit anderen Worten: Die geistige Haltung und das Verhalten des Menschen müssen sich von dem leiten lassen, was Gott und seine Gesandten gesagt haben, und nicht von dem, was dieser oder jener gern von ihnen hören würde. Diese Einstellung der Hingabe und Ergebung ist das, was der Koran als al-Islam definiert. Nun ist das aber keine neue Religion, die vor 1400 Jahren von Seiten Muhammads (s) begründet worden wäre. Die Wahrheit ist, daß dem Menschen in dem Moment, als er zum erstenmal auf diesem Planeten in Erscheinung trat, zu verstehen gegeben wurde, daß al-Islam der einzig wahre Weg und die richtige Lebensweise für ihn ist. Und wer auch immer in den verschiedenen Teilen der Welt zu verschiedenen Zeiten bestimmt wurde, die Menschen recht zu leiten, hatte daher immer dieselbe Bürde, dieselbe Botschaft zu tragen: die Botschaft, zu der schließlich Muhammad (s) die gesamte Menschheit einlud. Es ist offensichtlich, daß die Anhänger der Gesandten Gottes deren Lehren entstellten. Zum Beispiel improvisierten die so genannten Gefolgsleute des
Propheten Moses im Lauf der Zeit ein System, indem sie diverse fremde Elemente unter der Bezeichnung Judentum verbanden. Und diejenigen, die Jesus Christus folgten, entwickelten unter dem Namen des Christentums andere Arten des Denkens und unterschiedliche Praktiken. Genauso richteten die Anhänger anderer Propheten in verschiedenen Teilen der Welt die göttliche Führung zugrunde und entstellten sie bis zur Unkenntlichkeit. Doch die Tatsache bleibt bestehen, daß die Lebensweise, zu der Moses und Christus und alle anderen bekannten und unbekannten Propheten (s) die Menschheit einluden, nichts anderes war als der Islam. Im Sinn dieser Überlegungen möchte ich Ihnen vorschlagen, den oben zitierten Anspruch, den der Koran aufstellt, in klaren und unmissverständlichen Worten folgendermaßen zu umschreiben: Der einzige wahre Weg für die Menschheit in diesem Leben besteht darin, sich Gott hinzugeben und im Denken und Handeln dem zu folgen, was Er uns durch Seine Gesandten gelehrt hat. Genau das meint der Koran. Ich möchte nun diese Behauptung untersuchen und feststellen, ob man sie akzeptieren kann. Selbstverständlich werde ich dabei die Argumente in Betracht ziehen, die der Koran selbst anführt, um seine Aussage zu stützen. Doch ich glaube, es lohnt sich, zunächst zu versuchen, das Problem rational anzugehen, um zu sehen, ob es eine Alternative zu dem gibt, was der Koran uns vorschlägt.
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