24. Islam und Umwelt

Die Umweltfrage wird im Islam in ganzheitlicher Harmonie behandelt. Die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt genießen im Islam einen besonderen Stellenwert.

Im Vergleich zu anderen Religionen betont der Islam neben der reinen Anbetung Gottes soziale Komponenten stärker und beschränkt sich in der Beziehung zwischen Gott und Mensch nicht nur auf den Gebetsraum. Der soziale Charakter der Religion kommt auch in den fünf Säulen des Islam zum Ausdruck, besonders in den Bereichen Armensteuer und Pilgerfahrt. Im Islam können alle Handlungen und Verhaltensweisen des Menschen als eine Form von Anbetung betrachtet werden. Folglich wird die Verantwortung des Menschen gegenüber seiner engeren und weiteren Umwelt im Islam besonders eingehend behandelt. Der Prophet Muhammed wurde dieser Verantwortung in seinen Aussprüchen und in seinem Handeln gerecht. Der Schutz der Umwelt und die Verhinderung ihrer Verschmutzung stehen gemeinsam mit den Gesundheitsfragen im Islam an erster Stelle.

Der Mensch wird folglich zu Sauberkeit und Reinheit, aber auch zum Pflanzen von Bäumen und zu deren Schutz ermuntert.

Der Baum ist eine besondere Gabe Gottes, denn schon der Prophet Muhammed hat empfohlen, Bäume zu pflanzen. Die Früchte des von einem Muslim gepflanzten Baumes gelten als Almosen.

Wer unter euch zur Zeit des Weltendes einen Dattelzweig in der Hand hält und in der Lage ist, ihn zu pflanzen, soll dies auf jeden Fall tun. (Sammlung Bukhari)

Zentrale Punkte des Umweltschutzes finden im Islam Erwähnung:

Beseitigung der Verschmutzung in der näheren Umgebung des
Menschen;Beseitigung und Verhinderung von Umweltsünden, die den
Menschen beeinträchtigen;

Maßnahmen zur Reinhaltung des Wassers;positive Einstellung zu angenehmen Düften, häufigen
Gebetswaschungen und Sauberkeit;

Unterlassen von Verhaltensweisen, die zur Umweltver
schmutzung führen, wie z. B. gedankenloses Spucken,
Urinieren oder Wegwerfen von Abfällen.Hinsichtlich der Umweltschutzbestrebungen fallen in der islamischen Geschichte vor allem Bewässerungssysteme, Brunnen, Bäder, Tierschutzmaßnahmen, Stiftungen für schutzbedürftige Tiere und das Pflanzen von Bäumen ins Gewicht. Auf Grund der vielen Ermunterungen haben viele Menschen für Stiftungen für Umweltfragen gespendet oder selbst solche Einrichtungen gegründet. Umwelt und Islam sind also ein untrennbares Ganzes und sehr eng miteinander verbunden.

Der Umweltverschmutzung liegt in vielen Fällen, z.B. im Bereich Verpackung und Energie, Verschwendung zu Grunde, die aber im Islam eigentlich verboten ist.

In Bezug auf Fragen der Umwelt ist es aus islamischer Perspektive entscheidend, eine „Umweltethik“ zu entwickeln und die Menschen für dieses Thema zu sensibilieren.
Dialog und Toleranz

25. Für Dialog und Toleranz zwischen verschiedenen Religionen

Die Welt wird allmählich zu einem globalen Dorf. Die Interaktionen zwischen Völkern aus unterschiedlichen Kulturen nehmen zu. Gerade diese zunehmenden Verflechtungen sind es, die das Gesellschaftsbe-wusstsein und das Bewusstsein für Unterschiede wie auch für Gemeinsamkeiten stärken.

Kulturen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Geschichte, ihrer Sprache und ihrer Traditionen, und – vor allem – durch ihre jeweilige Religion. Unterschiede müssen zwar nicht zwangsläufig zu Konflikten führen, und Konflikte müssen nicht immer mit Gewalt verbunden sein. Aber über Jahrhunderte hinweg haben gerade die kulturellen Unterschiede die längsten und verheerendsten Konflikte verursacht.

Wären die Menschen vom Anfang der Geschichte an gebildet und zivilisiert gewesen, könnte heute von einem „Zusammenprall der Kulturen“ natürlich keine Rede sein. Aber leider sah die Realität anders aus. Die Welt wurde Zeuge der grausamsten Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Ein konkretes Beispiel aus der Geschichte führt uns die Kreuzzüge als die schlimmste Konfrontation des Westens mit der islamischen Zivilisation vor Augen. Eigentlich hätte es sie gar nicht geben müssen. Denn der Islam hatte, vor allem in der Zeit als er in Andalusien herrschte, bewiesen, wie tolerant und wissenschaftlich ausgerichtet diese Religion sein kann. Die wichtigsten Wissenschaften wurden erst durch den Islam in Europa bekannt und weiter entwickelt. Andersgläubige wurden toleriert und in die Gesellschaft integriert. In dieser Zeit entwickelte sich auch ein lebendiges Miteinander von Kulturen und Religionen – von Juden, Christen und Muslimen. Sogar die

Philosophie des antiken Griechenlands und Roms wurde den Europäern erst durch die Muslime wieder näher gebracht. Ich möchte an dieser Stelle nur Avicenna, Ibn Khaldun und al-Biruni erwähnen, die führende Gelehrte ihrer Zeit waren.

Das hier praktizierte Miteinander der Kulturen und Religionen kann auch für die heutige Zeit Vorbildcharakter haben. Historisch, kulturell oder religiös bedingte Konflikte und Auseinandersetzungen können wir nämlich nur durch Dialog und Toleranz lösen: Die Menschen aus verschiedenen Kulturen müssen miteinander auskommen können, ohne ihre eigene Identität und Mentalität zu verlieren. Dialog und Toleranz sind hinsichtlich globaler Probleme in Bereichen wie Umwelt, Ozonschicht, Wirtschaft, Zerstörung der tropischen Regenwälder und weltweiter Epidemien von besonders großer Bedeutung.

Dialog und Toleranz beinhalten auch, dass die Menschen aus verschiedenen Religionen zusammentreffen und gemeinsame Projekte zu Themen wie Alkoholismus, Drogen, gesunde Familienstruktur, Satanismus usw. entwickeln und nach möglichen Lösungen suchen.

Dialog soll auf verschieden Ebenen zwischen Gemeinschaften, Religionen und Staaten und in unterschiedlichen Bereichen wie Bildung, Wissenschaft, Sport stattfinden. Dabei ist die individuelle Dialogbereitschaft oder die Aufnahmebereitschaft des Dialogpartners von entscheidender Bedeutung. Denn das Individuum kann immer nur die Kultur vertreten, in der es lebt und von der es überzeugt und geprägt ist. Jedes Individuum kann andererseits seine Kultur nur mit Hilfe einer angemessenen Erziehung repräsentieren. Wer Wissen hat, kann dialogbereit sein und auch seine Vorurteile gegenüber anderen abbauen.

Wenn Vorurteile abgebaut sind, entsteht Toleranz. Es gibt vier Stufen, die zu einer toleranten Haltung gegenüber Mitmenschen führen:

Wissen, Erfahrungsaustausch, Kennenlernen und Akzeptanz.

In Anfangsphasen sollte man erst die Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte im gesellschaftlichen Leben in den Vordergrund stellen. Wer jedoch nicht tolerant ist und Streit sucht, hebt vor allem die Unterschiede hervor. Natürlich muss man, um einen dauerhaften und realistischen Dialog führen zu können, neben Gemeinsamkeiten auch Unterschiede kennen lernen. Man darf sich aber nicht ausschließlich auf diese konzentrieren. Außerdem müssen die Dialogpartner zunächst Ziel, Inhalt und Methode des Dialogs klar definieren.

An dieser Stelle möchte ich nochmals betonen, dass die Beseitigung der anstehenden Konflikte zwischen Kulturen nur durch die Erziehung und Bildung der Menschen und den aufrichtigen Dialog der Religionen möglich ist. Eine wahre und dauerhafte Plattform des Zusammenlebens schafft man nur durch Wissen. Der Islam ermuntert daher stets zum gegenseitigen Kennenlernen. Im Koran heißt es:

O ihr Menschen, Wir erschufen euch von einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennt. Siehe, der am meisten Geehrte von euch vor Allah ist der Gottesförchtigste unter euch, Allah ist wissend und kundig. (49:13)

In der islamischen Geschichte lassen sich die Erfahrungen, die man mit dem Zusammenleben machte, wie folgt darstellen:

l. Schon zur Zeit des Propheten Muhammed lebten die Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen in der Gesellschaft friedvoll zusammen. Das garantierte die in Medina erlassene Verfassung. In dieser wird festgeschrieben, dass die umma (Gemeinschaft) nicht nur aus Muslimen besteht, sondern dass alle Gemeinschaften, die diese Verfassung unterzeichnet haben, zu ihr gehören. Diese Verfassung von Medina gilt als die erste Verfassung der Welt, die das praktische Leben regelte. Sie hatte einen bewusst toleranten Charakter, der auch durch die koranische Offenbarung Es sei kein Zwang im Glauben (2:256) bestätigt wird. Auch Jerusalem, Arabien und Mittelasien, die Region der Türkvölker, wurden in der Folge nicht – wie heute viele glauben -mit dem Schwert erobert.

In der Epoche der Abbasiden teilten sich z.B. Tausende von Men
schen aus verschiedenen Kulturen die Zimmer in Krankenhäusern.

Unter den Seldschuken (1077-1243) lebten Muslime, Christen und
Juden harmonisch zusammen. Mevlana Dschalaleddin Rumi (1207-
1273), einer der größten Mystiker des Islam, rief seinerzeit die
Menschen zur Einheit auf und forderte sie auf, sich näher kennen zu
lernen:
Hin zur Einheit

Hin zur Einheit

Komm nah, noch näher, noch näher
Wie weit wirst du so gehen?
Wie weit mit diesem Streit, mit diesem Krieg?
Nun bist du ich und nun bin ich du.

Von den fünf Sinnen und den sechs HimmelsrichtungenZiehe alles, was du hast, zur Einheit, zur Einheit.
Komm zu dir, halt dich fern von Egoismus, halt dich davon fern.
Schließe dich den Menschen an, den Menschen,Sei mit den Menschen eins! Wenn du mit den Menschen eins bist, dann bist du ein Edelstein,
ein Ozean; Wenn du allein bist, bist du nichts als ein Wassertropfen.

Auf der Welt gibt es viele Sprachen, viele Sprachen, Aber alles hat die gleiche Bedeutung.
Brichst du die Karaffe, den Krug, Wie fließt dann das Wasser und findet seinen Weg…
Nun hin zur Einheit, lass den Streit, den Krieg! Wie schlägt dann das Herz, und wie führt es zu anderen Herzen.

(Mewlana, berühmter türkischer Mystiker)
Wir lieben das Geschaffene um des Schöpfers willen

In diesem Zusammenhang ist auch einer der berühmtesten Verse von Yunus Emre (1240-1320), einem berühmten türkischen Volksdichter, zu erwähnen:

Wir lieben das Geschaffene um des Schöpfers willen.

4. Auch im Osmanischen Reich haben jahrhundertelang viele Völker verschiedener Religionen und Kulturen, viele unterschiedliche Nationalitäten friedlich zusammengelebt. Die Balkanländer sind in dieser Hinsicht beispielhaft. Die 1492 aus Spanien vertriebenen Juden wurden von den Osmanen aufgenommen und ihre Nachkommen leben seit 500 Jahren teilweise bis zum heutigen Tage in der Türkei. Die Stadt Istanbul, in der Moscheen, Kirchen und Synagogen jahrhundertelang Seite an Seite standen, besitzt symbolischen Charakter für das friedvolle Miteinander verschiedener Religionen.

All diesen historischen gesellschaftlichen Erfahrungen kann man entnehmen, dass der türkischen Gesellschaft interkulturelles Leben nicht fremd ist. Die Türken waren es seit jeher gewohnt, mit Menschen verschiedener Religionen und Kulturen friedlich zusammenzuleben. Aus diesem reichen historischen Erfahrungsschatz müssen sie auch und gerade heute Nutzen ziehen. Die Wurzeln der Mentalität, die durch diese Erfahrungen entstanden ist, finden sich jedoch im Wesen des Islam und in der islamischen Kultur wieder.

Das grundlegende Prinzip des Dialogs finden wir im Koran. Dort ist die Rede von einem „gegenseitigen Kennenlernen“. Dem Islam zufolge lässt sich die Menschheit in zwei Gruppen einteilen: Die islamische Gemeinschaft und die einzuladende Gemeinschaft. Die Einladung ist im Grunde schon Dialog. Menschen, die eingeladen werden, haben die Freiheit, nicht zu glauben und eine negative Antwort zu geben. Insbesondere folgende Frage muss sich jeder stellen: Verlangt meine Religion von mir die Auseinandersetzung mit anderen oder ein Zusammenleben in Frieden? Diese entscheidende Frage sollte man zunächst für sich selbst beantworten. Der Hauptsinn des Dialogs liegt in den Woren: „Ich habe nichts gegen deine Meinung. Lass uns uns verständigen und Freundschaft schließen. Zusammenkommen heißt nicht, dass einer dem anderen etwas antut. Komm und hör mich zuerst an, wenn du mir aber etwas Böses willst, verschieb es auf später.“

Im Einzelnen stellt der Koran die Beziehungen zwischen Muslimen, Anhängern der Offenbarungsreligionen und „anderen“ folgendermaßen dar. Auseinandersetzungen mit den ,Schriftbesitzern’, also den Anhängern der Offenbarungsreligionen, sollten nur in der Weise des ,liebenden Streits’ stattfinden:

Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift; es sei denn auf die beste Art und Weise. Ausgenommen davon sind jene, die ungerecht sind. Und sprecht: ‘Wir glauben an das, was zu uns und was zu euch herabgesandt wurde; Und unser Gott und euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben.’ (29:46)

Was den allgemeinen Umgang mit Nicht-Muslimen betrifft, so finden wir im Koran folgende Aussage:

Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Heimstätten vertrieben haben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Allah liebt die Gerechten. (60:8)

Mit anderen Worten kann ein Muslim also mit anderen Freundschaft schließen oder Dialog führen, wenn diese erstens nicht gegen seinen Glauben kämpfen und ihn zweitens nicht aus seiner Heimstätte vertreiben; d. h. wenn sie die geistigen und materiellen Werte der Muslime nicht verletzen.

Die heutige konsumorientierte westliche Zivilisation, die besonders durch technologische Entwicklungen geprägt ist, ist bislang nicht in der Lage gewesen, die Gefühle der Menschen zu befriedigen und die menschlichen Werte im Leben zu fördern – was die führenden

Politiker und Denker der Welt auch eingestehen.

Daher möchte ich zum Schluss Folgendes hervorheben: Gemeinsam sollten wir eine Atmosphäre des Respekts, der Anerkennung und der Akzeptanz aufbauen, zu einem Klima der Kooperation beitragen und Konflikten kooperativ begegnen. Wir sollten uns darum bemühen, Mitmenschlichkeit zu mehren und Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten zu genießen.



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