Warum wir eine feste Lebensweise brauchen

Es ist offensichtlich, daß der Mensch irgendein System oder eine bestimmte Art und Weise braucht, ein sinnvolles Leben zu führen. Da er ein Mensch ist, stellt das für ihn ein unumgängliches Bedürfnis dar. Sein Weg im Leben kann nicht, wie der eines Flusses, durch die Topographie eines Landes bestimmt werden. Auch ist er kein Baum, dessen Wachstum die Naturgesetze regeln. Ebenso wenig ist er nur ein Tier, das allein durch seine Instinkte und Gewohnheiten geleitet wird. Es liegt auf der Hand, daß er zu einem großen Teil seines Lebens den Naturgesetzen unterworfen ist. Dennoch gibt es viele Aspekte im Leben, für die er mit Hilfe seines Verstandes einen eigenen Platz abstecken muß. Dafür hat er keinen festen Kurs, dem er folgen könnte wie die Tiere ihren Instinkt. Er ist mit eigenem Willen und Entscheidungsfreiheit begabt. Er muß Prioritäten setzen. Er muß seinen Weg aus einer Reihe von Alternativen heraussuchen. Und genau das unterscheidet ihn vom Rest der Schöpfung.
Da das nun einmal so ist, muß der Mensch vielfältige Probleme lösen, seine eigenen und die des Universums, die die Natur seinem grübelnden Verstand aufgibt, ohne ihm jedoch unmißverständliche
Lösungen an die Hand zu geben. Er braucht irgendein Gedankengebäude, um zu einem Entschluß zu kommen. Er baucht ein Schema und einen Wissensrahmen, innerhalb dessen er die Informationen, die die Natur seinem Verstand über die Sinneseindrücke zuführt – eine Masse von Informationen ohne natürlich geordnete Form – organisieren und koordinieren kann. Er braucht ein Lebensmodell, das ihm als Individuum angemessen ist, so daß er auf die der Natur innewohnenden Impulse reagieren kann, die, obgleich vollkommen schlüssig, noch gründlich organisiert und definiert werden müssen. Für sein häusliches Leben, seine familiären Beziehungen, seine gesellschaftlichen Angelegenheiten, für Staatsführung und Verwaltung, internationale Beziehungen und zahlreiche andere Aspekte seines Lebens braucht er eine Richtung, die er nicht nur als Individuum, sondern auch als Gruppe, als Nation und als Spezies einschlagen kann. So kann er die Ziele erreichen, die die Natur ihm als Richtlinie und Endzweck zu erkennen gibt, die er aber nicht instinktiv erfühlen kann, so wenig wie die Kräfte der Natur selbst die Mittel offen gelegt haben, mit denen er diese Ziele erlangen mag. Der Ruf ist da, der Eifer ist da, doch wenn der Mensch auf sich allein gestellt ist, bleiben Weg und Richtung in Geheimnisse gehüllt.
Diese verschiedenen Aspekte des Lebens, die es dem Menschen unumgänglich machen, irgendeiner
Art Ideal oder System zu folgen, sind keine getrennten, unabhängigen Einheiten des Seins. Daher ist es dem Menschen nicht möglich, verschiedene, miteinander unvereinbare Verhaltensweisen für verschiedene Bereiche seines Lebens zu wählen. Er kann es sich einfach nicht leisten, in den verschiedenen Aktivitäten seines Lebens verschiedene Wege zu beschreiten und Ziele zu verfolgen, die einander widersprechen – und das auch noch mit Hilfe von Mitteln und Methoden, die in entgegengesetzte Richtungen führen. Versuchen wir mit Hilfe unserer Intelligenz, den Menschen und die Probleme in seinem Leben zu verstehen, können wir uns leicht davon überzeugen, daß das menschliche Leben ein unteilbares Ganzes ist, und daß jeder seiner Aspekte mit allen anderen in sehr enger Beziehung steht und untrennbar mit ihnen verbunden ist. Jedes Teil seines Lebens beeinflußt die anderen und wird umgekehrt von ihnen beeinflußt.
Ein und dieselbe Lebenskraft bewegt alle Teile und durchdringt sie. Alle Teile und Aspekte konstituieren zusammen das, was wir als das menschliche Leben kennen.
Was der Mensch also tatsächlich braucht, ist nicht eine Vielzahl von Zielen und Zwecke, sondern ein einziges Ziel, der die verschiedenen Zwecke und die möglichen Sinngebungen des Lebens umfaßt und sie zu einem harmonischen Ganzen zusammen-
schweißt. Das ist unbedingt notwendig, wenn das menschliche Bestreben, das höchste Ideal zu verwirklichen, erfolgreich sein soll. Was er braucht, sind nicht viele verschiedene Wege und Straßen, sondern der eine Weg, der ihn mit all den vielfältigen Seiten seines Lebens zu dessen Ziel und Ideal führen kann. Er benötigt keine getrennten Systeme des Denkens und Lernens, der Kunst und Literatur, der Erziehung und Gesetzgebung, der Religion und Moral, des sozialen Lebens, der Wirtschaft und Politik usw., sondern ein vollständiges System, in dem all diese Aspekte menschlichen Lebens einen harmonischen Platz finden und von einheitlichen Prinzipien zum Ausdruck gebracht werden. So können sie den Menschen, ja die ganze Menschheit zu den höchsten Gipfeln der Güte, Tugend und Größe führen.
Es gab Zeiten, als man aufgrund von Unkenntnis eine mehr oder weniger ständige Einteilung des menschlichen Lebens in verschiedene Abteilungen der Betrachtungsweisen für nützlich hielt. Wenn es heute noch Leute gibt, die ernsthaft an die absurde Idee glauben, man könne das menschliche Leben in wasserdichte Teile trennen, verdienen sie nur unser Mitleid. Andererseits gibt es welche, die es bewußt darauf anlegen, andere zu betrügen, indem sie versuchen, ihnen ihr eigenes System aufzuzwingen mit der Versicherung, das, was jenen am Herzen
liegt – ihre Religion, – werde vollauf beschützt.
Genau das behaupten die Säkularisten und Nationalisten. Sie treiben einen Keil zwischen das private und das soziale, gemeinschaftliche Leben. Ihrer Meinung nach kann die Religion zwar das persönliche Leben des Menschen beeinflussen, sollte aber im gesellschaftlichen, besonders im politischen Leben nichts zu sagen haben. Diese Einteilerei ist eine Unmöglichkeit; sie ist rational nicht nachzuvollziehen und praktisch nicht zu verwirklichen, und selbst der, der so einen Ton anschlägt, erkennt das im innersten Herzen. Allerdings liegt es nicht in seinem Interesse, dies einzugestehen.
Jeder weiß, daß jedes herrschende System notwendig alle Aspekte des Lebens unter seinen Einfluß bringen und gemäß seinen eigenen Prinzipien und seinem Geist umformen muß; so wie jede Salzmine unweigerlich alles, was in sie eindringt, in Salz verwandelt.



No Responses Yet to “Warum wir eine feste Lebensweise brauchen”  

  1. No Comments Yet

Leave a Reply