Die Vernunft

10Nov07

Die Vernunft

Wir wollen jetzt die Gabe des Intellekts, der Vernunft untersuchen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Vernunft etwas sehr Wertvolles ist, sie hat ausgezeichnete Anlagen. In den menschlichen Angelegenheiten spielt sie eine sehr wichtige Rolle. Sie ist zweifellos eine große leitende Kraft in unserem Leben, hilft und kontrolliert und unterstützt uns in vielfältigerWeise.
Doch wenn es um das Problem von ad-Din geht, führt die Vernunft uns nicht weit. Zunächst stellt sich die Frage: Auf wessen Verstand soll man sich in dieser Hinsicht verlassen? Auf meinen oder Heinzens oder Kunzens oder auf den einer bestimmten Gruppe von Menschen oder aller Menschen oder der Menschen der heutigen Generation oder einer vergangenen oder zukünftigen – wer ist in der Lage, ad-Din oder den rechten Lebensweg zu bestimmen?
Eine noch schwierigere Frage ist die, ob der menschliche Verstand fähig ist, diese Aufgabe zu bewältigen. Berücksichtigt man die dem menschlichen Verstand innewohnenden Grenzen – ist es dann angebracht, sich auf ihn zu verlassen, um ad-Din festzulegen?
Das Urteilsvermögen und die Vernunft beruhen auf dem, was die Sinnesorgane wahrnehmen. Wenn die
Informationen, die sie übermitteln, fehlerhaft, unvollständig, verzerrt oder beschönigt sind, wäre ihr Urteil trügerisch. Wenn die Sinne mangelhaftes Material liefern, führt das zu fehlerhaften Schlüssen. Auf den Gebieten, über die die Sinnesorgane nicht in der Lage sind, Informationen zu erbringen, bleibt der Verstand im Dunkeln, und Äußerungen darüber wären reine Mutmaßungen. Je aufgeklärter der Verstand ist, desto weniger wird er so einen Sprung ins Finstere riskieren.
Des weiteren stellt sich das Problem des Vorurteils, das den Intellekt umwölbt und die Vernunft auf Abwege führt. Der Einfluß von Gefühlen, vorgefaßten Meinungen und Milieufaktoren ist kaum zu verringern. In all diesen und vielen anderen Situationen neigt der Verstand zu Rationalisierungen und intellektueller Unsicherheit, absichtlich oder nicht.
Angesichts dieser Grenzen, die vom Verstand nicht zu trennen sind, wäre es kaum der Mühe wert, ihn mit der Aufgabe zu belasten, die richtige Lebensweise für die Menschheit zu entwickeln. Und was die grundsätzlichen Probleme angeht, von deren Lösung die Ausarbeitung der rechten Lebensweise abhängt, haben wir von den Sinnen und Wahrnehmungen überhaupt keine Hilfe zu erwarten.
Sollen diese Probleme also durch reine Phantasie gelöst werden, oberflächliche Vermutungen oder falschen Aberglauben?
Eine gewisse Anzahl absoluter moralischer Werte ist unerläßlich für die Formulierung der richtigen Lebensweise. Aber in dieser Hinsicht bieten die Sinne und Wahrnehmungen nur oberflächliches Material. Wie kann man erwarten, daß der Verstand aufgrund dieses mangelhaften Materials umfassende und absolute Werte aufstellt?
Ebensowenig bieten die Sinne exaktes und vollständiges Material für die oben genannten wesentlichen Elemente des Lebenssystems; Material, auf dessen Grundlage so ein allumfassendes und vollkommenes System konstruiert werden könnte.
Dazu kommt noch die Tatsache, daß das Element des Wünschens und Begehrens mit dem Verstand unauflöslich verbunden ist. Das hindert ihn daran, rein rational zu urteilen und verleitet ihn dazu, mehr oder weniger vom rechen Pfad abzuweichen. Selbst wenn wir einräumen, daß sich der menschliche Intellekt nicht irrt, wenn es darum geht, das von den Sinnen vermittelte Material zu ordnen und zu klassifizieren, um daraus Schlüsse abzuleiten, kommen andere Arten von Schwächen und Grenzen auf uns zu. Infolge der schwachen Seiten des Intellekts wäre es nutzlos, ihn mit einer Aufgabe von solchem Ausmaß zu belasten. Das wäre ihm wie uns gegenüber unredlich.



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