Bedingungen und Forderungen des Glaubens

Wir sollten uns nun mit der letzten der grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen, die wir in dieser Untersuchung diskutiert haben. Wenn man den Anspruch des Koran akzeptiert hat und vollkommen zufrieden an ad-Din glaubt, der vom Allmächtigen stammt, dann stellt sich ganz natürlich die Frage: Was folgt daraus und was wird von uns verlangt?
Ich habe zu Anfang erklärt, daß das Wort Islam die Bedeutung „völlige Hingabe“ und „Gehorsam“ miteinschließt. Es hat nicht das Geringste zu tun mit Vorstellungen wie Überheblichkeit, unbegrenzter Macht und unbestreitbarer Autorität oder einer lässigen Haltung in Bezug auf Gedanken und Bedürfnisse. Egal was für eine Lebensweise Sie für sich selbst wählen, sie verlangt vollständige Hingabe und Gehorsam; Sie können keinen Aspekt Ihres Lebens und Ihrer Persönlichkeit davon trennen. Der Glaube an jedes System verlangt seine Anwendung in jedem Moment unseres Daseins. Unser Verstand, unser Herz, unsere Ohren, Zungen, Hände und Füße – ja alle unsere Organe müssen dem Glauben, den wir praktizieren, entsprechen und ihn widerspiegeln. All unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, alles, was in unserer – körperlichen wie geistigen – Macht steht, muß in Gang gesetzt werden, um dem einen höheren Zweck zu dienen, den wir im Blick haben. Unser Glaube muß sich in der Tat in unseren Haltungen und unserem Verhalten spiegeln, in unseren Vorlieben und Abneigungen, unserer Liebe und Abneigung Dingen wie Menschen gegenüber, er muß unserer gesellschaftlichen Beziehungen zu anderen Menschen bestimmen, unsere Freundschaften und Gegnerschaften. Kurz, er muß über alles entscheiden, was wir denken oder tun. Auch nicht das kleinste Detail unseres Lebens darf außerhalb seines Einflusses bleiben. Und der Grad, in dem wir in dieser Hinsicht Ausnahmen und Sonderfälle zulassen, entspricht dem Grad, in dem wir von der Ausübung unseres Glaubens abweichen und uns über unsere Angehörigkeit zu ihm Lügen strafen. Und ist es nicht die Pflicht jedes Menschen, sein Leben vom Schandfleck der Falschheit und Lüge frei zu halten?
Ich möchte auf meinen anfänglichen Hinweis zurückkommen, daß das menschliche Leben eine Einheit ist, ein vielfältiges Ganzes, das sich nicht in getrennte Abteilungen zerlegen läßt. Es ist daher nur natürlich, daß es für uns nur ein einziges System für das ganze Leben geben sollte. Hängt man gleichzeitig zwei oder drei Lebensweisen (Din) an, zeugt das von Schwäche im Glauben und unbeständigem Urteilsvermögen. Die vernünftigste Haltung
in dieser Hinsicht wäre es wirklich, nur an einer Sache festzuhalten, anstatt hin und her zu schwanken und unentschlossen zu sein. Es ist ganz natürlich, daß eine bestimmte Lebensweise, hat man sie einmal angenommen, sich auf alle Aspekte unseres Denkens erstreckt. Wenn es ein Din für unser individuelles Leben ist, sollte es auch ein Din für unsere gesellschaftlichen Beziehungen, unsere Hausund Haushaltsführung, die Erziehung und Ausbildung unserer Kinder sein. Es sollte der Din unserer Schulen, unserer Geschäfte, unseres beruflichen Strebens sein, unseres Verhaltens als Angehöriger einer Nation, unserer kultureller Tätigkeit, unserer soziopolitischen Angelegenheiten, unserer Kunst und Literatur und unseres Staates. Wenn wir als Individuen einen bestimmten Din praktizieren, wäre es dann nicht angemessen, uns als sozialen Organismus zu organisieren, so daß alle Aspekte unseres gemeinschaftlichen Lebens demselben Din folgten?
Und wenn wir schließlich eine bestimmte Lebensweise als für unser Leben verbindlich eingeschlagen haben, folgt daraus ganz natürlich, daß wir danach streben sollten, die Segnungen dieses Weges unsern Mitmenschen zu zeigen und uns zu bemühen, ihn zum ad-Din für die gesamte Menschheit zu machen. Da die Wahrheit schon ihrer Natur nach verlangt, überall erhört zu werden, muß selbstverständlich jeder, der ihr anhängt und sie verteidigt, seine ganze Energie aufwenden, um die Kräfte des bedenklich Negativen zu überwinden und dafür sorgen, daß sich Wahrheit und Gerechtigkeit in dieser Welt durchsetzen. Denn gewiß kann niemand, der sich wirklich der Wahrheit bewußt wird, ruhen, bis er nicht alles getan hat, um ihr auf seine Umgebung Geltung zu verschaffen. Und wenn jemand keine Unruhe spürt, keinen Schmerz und den zwingenden Drang, die Ungerechtigkeit zu beseitigen und der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, bedeutet das, daß seine Seele tot ist.



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